Geschichte

Der Bayerisch-Patriotische Bauernverein und der Katholische Männerverein Tuntenhausen


Graf Ludwig Arco Zinneberg
Landwirtschaftliche Vereinigungen gab es in Bayern bereits im 18. Jahrhundert. Die „Churbaierische Landesökonmiegesellschaft“ und ab 1809 der „Landwirtschaftliche Verein“ stellten aber in erster Linie staatlich geförderte Adels- und Gelehrtenzirkel dar, die zu dem Zweck gegründet worden waren, für die Hebung der landwirtschaftlichen Produktion zu sorgen. Mit der Auflösung der leib- und grundherrschaftlichen Bindung im frühen 19. Jahrhundert zeigten sich erste Ansätze einer berufsständischen Sammelbewegung und Vertretung der bayerischen Landwirte. Lokale Bauernvereine entstanden, so etwa 1831 in Vilsbiburg. Die Reorganisation des Landwirtschaftlichen Vereins im Jahr 1850 erweiterte seine Basis und führte in steigendem Maße auch Bauern in seine Reihen.

Bauernvereine mit politischem Anspruch formierten sich jedoch erst in den Jahren des beginnenden Kulturkampfs. Nach der Etablierung eines niederbayerischen Bauernvereines in Deggendorf (05.01.1869) überzog eine Welle von Gründungen lokaler „Bayerisch-Patriotischer Bauernvereine“ die alt- wie neubayerischen Lande. Neben Vereinsgründungen in Oberaudorf, Miesbach, Valley, Erding, Steinhöring, Oberbergkirchen bei Mühldorf oder Obing, um nur einige zu nennen, wurde am 19. September 1869 auch in Tuntenhausen ein „Bayerisch-Patriotischer Bauernverein“ ins Leben gerufen, der im Gegensatz zu seinen Parallelorganisationen überörtliche Bedeutung erlangen und über Jahrzehnte einen gewichtigen Faktor im politischen Leben Oberbayerns darstellen sollte.


Fritz Schäffer
Wie in Deggendorf und einigen anderen Orten war auch in Tuntenhausen der lokale Adel maßgeblich an der Vereinsgründung beteiligt. Graf Ludwig von Arco-Zinneberg, Besitzer des Schlossgutes Maxlrain, war zusammen mit dem Professor für Kirchenrecht und –geschichte, Balthasar Daller, dem Landtagsabgeordneten und ab 1891 Fraktionsführer der Bayerischen Patrioten bzw. Zentrumspartei, die treibende Kraft. Um die Mobilisierung des katholischen Lagers zu erreichen, hatte Arco-Zinneberg 1866 in München ein „Katholisches Casino“ gegründet, nach dessen Vorbild auch in den Landstädten und Märkten ähnliche Institutionen entstanden waren (1869 in Rosenheim, 1871 in Bad Aibling). Der Bauernverein mit Sitz an dem bekannten Wallfahrtsort sollte nicht nur die wirtschaftlichen Interessen der bäuerlichen Bevölkerung vertreten, sondern als ländliches Pendant der „Casinos“ vor allem die Patriotenpartei und damit den katholischen Flügel gegen Liberalismus, Sozialismus, und „Preußentum“ unterstützen.

Die Gründungsversammlung war ein voller Erfolg. Nach einer Rede Dallers ließen sich von rund 300 Zuhörern 222 in den Verein aufnehmen. Zum 1. Vorsitzenden wurden Graf Arco-Zinneberg bestimmt, zum 2. Vorstand Johann Baptist Schäfler, Schmidbauer von Schmidhausen. Als Kassier fungierte der Tuntenhausener Huberbauer Sebastian Ehberger, als Schriftführer der Beyhartinger Expositus Caspar Taubenberger. Unter den 20 Beisitzern und Ausschussmitgliedern befanden sich neben Landwirten sechs Pfarre, ein Mesner, je ein Sattler- und Kistlermeister sowie ein Müller. Noch im selben Jahr wurde die erste Generalversammlung anberaumt, Vereinsstatuten am 10. Januar 1870 in Aibling beraten. Als Zweck des Zusammenschlusses sahen sie die fachliche Weiterbildung der Landwirte und die „Besprechung socialer und politischer Tagesfragen… zur Belebung des Standes- und Rechtsbewusstseins des Bürgers und Landsmanns“ vor. Dementsprechend war in erster Linie daran gedacht, nur Bauern und der Landwirtschaft nahe stehende Personen in den Verein aufzunehmen; Standesfremde bedurften vor ihrem Beitritt der Genehmigung durch einen Ausschuss. Eine jährliche Zusammenkunft im September mit feierlichem Gottesdienst und anschließender Tagung sollte die Gemeinschaft stärken und zur Artikulierung und Förderung der landwirtschaftlichen Interessen dienen.


Hans Zehetmair
Welche konkreten politischen Zielsetzungen verfolgte nun der Tuntenhausener Bauernverein? Aufschlüsse darüber gibt ein Reformprogramm, das der von Arco-Zinneberg besoldete Theologe und Politiker Georg Ratzinger unter der Ägide des Grafen ausarbeitete und 1883, ein Jahr nach dessen Tod, veröffentlichte. Die in 14 Punkten gegliederten „Grundzüge eines Agrarrechts“, die Arco dem Bauernverein als Grundsatzpapier hatte vorlegen wollen, forderten die Einschränkung der landwirtschaftlichen Verschuldung, die als die Hauptursache der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Bauernstandes angesehen wurde. Das bäuerliche Erbrecht müsse dahingehend modifiziert werden, dass dem Erben mindestens der halbe Schätzwert des Anwesens schuldenfrei verbleibe. Die unteren Behörden sollten die Möglichkeit erhalten, Güterzertrümmerungen zu verhindern. Weitere Vorteile sollten den Landwirten die Einführung einer Hagelversicherung, die Erhöhung der Schutzzölle und die Minderung der Militärlasten bringen. Eine „Couponsteuer“ auf die Erträge von Anleihen und Aktien sei einzuführen. Die Handschrift des schon von Zeitgenossen als „ultrareaktionär“ eingestuften Ratzinger, einer der widersprüchlichsten und schillerndsten Persönlichkeiten auf der bayerischen politischen Bühne des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zeigte sich vor allem in den sozialpolitischen Vorstellungen. Die staatliche Unterstützung Bedürftiger sei vollständig einzustellen und durch freiwillige Almosen zu ersetzen. Müßiggänger solle man in Arbeitshäuser einweisen, „unterstützungsunwürdige Elemente … ihrem Schicksal überlassen“. Für die Landgebiete forderte das Programm die Abschaffung der Freiheit zu Eheschließungen, so dass Dienstboten und anderen Vermögenslosen die Ehe untersagt werden könne. Das ländliche Schulwesen sei schließlich einzuschränken, da für den Bauernstand und vor allem die Frauen eine geringere theoretische Ausbildung vollauf genüge: „Das beste was die Landschulen bieten und die Erziehung gewähren kann, ist die Liebe zur Arbeit und Thätigkeit, zu Entbehrung und Sparsamkeit. Demgegenüber ist es höchst gleichgültig, ob die Bäuerin etwas besser lesen oder schreiben kann … Es fehlt nur noch, dass die Bäuerinnen sich zur Kaffeetasse setzen und mit feinen Handarbeiten den Tag todtschlagen, um unseren Bauernstand von Grund auf zu ruinieren.“ Kennzeichnend für die angestrebte enge Verknüpfung von Politik und Religion war der letzte Programmpunkt: „Alle wirthschaftlichen Reformen, welchen segensreich wirken sollen, müssen eine religiöse Grundlage haben. Alle Gesetze und Organisationen sind machtlos, wenn die Bevölkerung jener sittlichen Kraft entbehrt, welche nur aus religiöser Überzeugung und kirchlicher Uebung entspringt“.


Balthasar Ritter
Für viele der neueintretenden Mitglieder waren aber wohl die wirtschaftlichen Aktivitäten des Vereins mit von ausschlagender Bedeutung. Er organisierte verbilligte Sammelbestellungen von Kunstdünger bei den Chemischen Werken Heufeld und betrieb den Anbau eines Netzes von Darlehenskassenvereinen. Unentgeltliche Rechtsauskünfte sowie Hilfen bei Brandkatastrophen oder Unwetterschäden gehörten darüber hinaus zu den Dienstleistungen des Bauernvereins, der rasch expandierte und kurz vor dem Ersten Weltkrieg rund 7000 Mitglieder, in den Jahren danach annähernd 5000 Mitglieder zählte.

In die Jahre des Vereinsvorsitzes von Balthasar Daller, der 1882-1911 Graf Arco nachfolgte und in seiner Stellung als Landtagsabgeordneter und ab 1891 als Führer der bayerischen Zentrumsfraktion die Verbindung zur „großen“ Politik herstellte, fällt die Ausweitung der jährlichen Vereinsversammlungen zu politischen Großkundgebungen von überregionaler Bedeutung, die einen ähnlichen Stellenwert wie die niederbayerischen Aschermittwochsveranstaltungen nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten. Kleriker und prominente Parteipolitiker traten vehement gegen liberalistisches Gedankengut und die „preußische Gefahr“ auf. Es entstand, wie es Ludwig Thoma 1909 bissig charakterisierte, ein „Stimmviehmarkt“.

Das nicht zuletzt aus der hohen Popularität seiner Veranstaltungen erwachsende Selbstbewusstsein des Bayerisch-Patriotischen Bauernvereins zu Tuntenhausen äußerte sich darin, dass er sich hartnäckig weigerte sich wie die übrigen katholischen landwirtschaftlichen Organisationen Bayerns ab 1893 im Christlichen Bauernverein (CBV) zu vereinigen und sich damit der Regensburger Zentrale des „Bauerndoktors“ Georg Heim unterzuordnen. Auch Druck durch den CBV, der etwa am 3. September 1911 parallel zur Tuntenhausener „Bauernparade“ demonstrativ eine Konkurrenzveranstaltung mit Heim abhielt, konnte die Einigung nicht erzwingen. Nachdem sich der neue Vereinsvorsitzende, Pfarrer Josef Gasteiger (1911 bis 1919), ein Neffe Dallers, bei Heim über diese Art des Konkurrenzkampfes im katholischen Lager beschwert hatte, wurde schließlich am 12. April 1912 ein Abkommen zur Zusammenarbeit mit der Regensburger Bauernzentrale geschlossen. Der Tuntenhausener Bauernverein sollte nun die sieben Amtsgerichtsbezirke Rosenheim, Prien, Aibling, Miesbach, Wasserburg, Haag, Ebersberg und Teile Erdings und Mühldorfs selbständig bearbeiten, der CBV den Rest Oberbayerns. Vorstöße aus der Vereinsbasis, sich aus finanziellen Aspekten dem Christlichen Bauernverein anzuschließen , blieben auch unter der Vorstandschaft des Ökonomierates Josef Wieser aus Frauenneuharting (1919-1933) ohne Erfolg.

In den bewegten Jahren der Weimarer Republik erhielten die Tuntenhausener Bauerntage als Foren der Agitation gegen den „Berliner Zentralismus“ und für die bayerische Eigenstaatlichkeit neue Bedeutung. Mit Spannung erwartete Stellungnahmen prominenter Politiker der Bayerischen Volkspartei wie des Ministerpräsidenten Heinrich Held, des Innenministers Karl Stützel, des Parteivorsitzenden Fritz Schäffer oder Alois Hundhammers vermittelten ihnen ein neues Gewicht. Wegen seiner markigen Redeweise als Referent besonders beliebt war aber Georg Heim, der hier die demokratische Verfassung Deutschlands als die „untauglichste der Weltgeschichte“ verdammte und die Monarchie sowie den Ständestaat nach Muster des italienischen Faschismus Mussolinis pries, jedoch klar gegen Hitler Stellung bezog.

Das sich das „Bollwerk Tuntenhausen“ als feste Basis der BVP und damit des politischen Katholizismus erwies, blieben Angriffe durch die NSDAP nicht aus. Den Presseattacken gegen den Tuntenhausener Verein als Hort der Reaktion und seine Jahresversammlungen als „Oktoberfest … mit Komikervorstellung“ folgten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung handfeste Repressalien. Ein am 21./22.5.1933 in Rott am Inn mit Tausenden von Teilnehmern pompös abgehaltener NS-Bauerntag, als „neues Tuntenhausen“ bezeichnet, kündigte die Wachablösung an. Im Zuge der Zerschlagung gegnerischer Organisationen wurde auch der Bayerisch-Patriotische Bauernverein zur Selbstauflösung gezwungen. Die letzte Generalversammlung am 27.7.1933 in Rosenheim beschloss die Liquidation. Vom Vereinsvermögen konnte ein Drittel für die Wallfahrtskirche und eine Jahresstiftung gerettet werden, der Rest floss „als Spende für die nationale Arbeit“ in die Staatskasse.


Alois Hundhammer
Bereits wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trat der Tuntenhausener Pfarrer Innozenz Lampl mit Weihbischof Scharnagl in Verbindung, um eine Nachfolgeorganisation des Bauernvereines zu beraten. Auf Scharnagls Vorschlag, einen katholischen Männerbund zu gründen, versammelte sich am 15. November 1945 in Rosenheim eine Kommission unter Leitung des ehemaligen 2. Bauernvereinsvorsitzenden Ökonomierat Entfellner und beschloss die Gründung des Katholischen Männervereins Tuntenhausen. Als Vereinszweck sahen die Satzungen vor, „in der gesamten Öffentlichkeit für die Vertiefung des katholischen Glaubenslebens zu wirken und die katholischen Grundsätze überall zur Geltung zu bringen“. Anfängliche Schwierigkeiten mit der Genehmigung durch die amerikanischen Besatzer wurden durch die Berufung des 1. Vorsitzenden, Alois Hundhammer, zum bayerischen Kultusminister ausgeräumt. Die erste der nunmehr zweimal jährlich stattfindenden Männerwallfahrten am 22. September 1946 wies bereits 300 Teilnehmer auf. Mit Alois Hundhammer (1945-1974), Max Streibl (1974-1989) und Hans Zehetmair (seit 1989) übernahmen prominente Politiker der CSU den Vereinsvorsitz.

Bei den Vereinstagungen bezogen mit Ministerpräsident Hanns Seidel, Minister Fritz Schäffer oder Franz Josef Strauß hochkarätige Repräsentanten der bayerischen Landes- und deutschen Bundesregierung Stellung zur politischen Lage.

Auch heute wird die konservativ-katholische Tradition ungebrochen gepflegt. Mit gut 1000 Mitgliedern hat der KMVT im Jahr 2008 die höchste Mitgliederzahl seit der Vereinsgründung 1945.

Vereinsvorsitzende
Bayerisch-Patriotischer Bauernverein:
1869-1882 Ludwig Graf Arco-Zinneberg
1882-1911 Balthasar Daller
1911-1919 Josef Gasteiger
1919-1933 Josef Wieser
Katholischer Männerverein:
1945-1974 Alois Hundhammer
1974-1989 Max Streibl
1989-2009 Hans Zehetmair
seit 2009 Marcel Huber

Quelle: Text Wolfgang Stäbler aus „Tuntenhausen“ von Ferdinand Kramer 1991 Anton H. Konrad Verlag